Craniomandibuläre Dysfunktion
Der Begriff Craniomandibuläre Dysfunktion kommt von " Cranium" (Schädel), "Mandibula" (Unterkiefer) und "Dysfunktion" (Fehlfunktion). Es handelt sich hierbei zunächst um eine Fehlfunktion im Zusammenspiel von Oberkiefer und Unterkiefer, bedingt durch Störungen in der Funktion der Zähne, der Kiefergelenke und der Kiefermuskulatur. Dieser sogenannte "falsche Biss" kann jedoch Komplikationen im gesamten Körper hervorrufen, den wir uns mit seinen Gelenken und Gelenkkapseln wie ein kompliziertes Zahnradsystem eines Uhrwerkes vorstellen müssen. Bricht ein Rädchen aus, gerät das gesamte Uhrwerk aus dem Gleichgewicht, d.h. dass sich verheerende Kettenreaktionen in Gang setzen können, die die gesamte Körperachse und Körperstatik verschieben.
Unsere Praxis sieht die interdisziplinäre Funktionsdiagnostik und - therapie der CMD als eine wichtige Säule unserer Behandlungserfolge. Wir als orthopädische Facharztpraxis konzentrieren uns dabei schwerpunktmäßig auf die muskulären und statischen Probleme der Wirbelsäule, arbeiten jedoch eng mit Funktionsdiagnostik-Spezialisten aus dem Gebiet der Zahnheilkunde und Oralchirurgie in der Region zusammen.
Klassische Symptome der CMD
Die Symptome, die durch diese Erkrankung hervorgerufen werden können, sind so vielfältig, dass man CMD auch als " Charmäleon" bezeichnen kann, das sich hervorragend unter einer Vielzahl unspezifischer Symptome versteckt. Ein nicht ganzheitlich versiert interdisziplinärar arbeitender Arzt kann daher von den Symptomen in die Irre geführt werden. Dies führt dann allzuoft zu symptomatischen Behandlungen, wie z.B. Gabe von Schmerzmitteln gegen Kopfschmerzen oder durchblutungsfördernde Medikamente gegen Schwindel, während die eigentliche Ursache unerkannt bleibt. Wir nennen Ihnen daher in Folgendem die Palette der CMD Symptome, die natürlich häufig auch in Kombination auftreten:
1.) Kopfschmerzen
2.) Schwindel
3.) Ohrengeräusche (Tinnitus)
4.) Hals-, Nacken- Muskelverspannungen mit Gefühlsstörungen in den Fingern
(Parästhesien)
5.) Hüftgelenkbeschwerden, Ischialgien, Bandscheibenvorfälle
6.) Schmerzen in der Kaumuskulatur
7.) Knacken im Kiefergelenk
8.) Knirschen und Pressen der Zähne
9.) Sehstörungen, Augenflimmern oder eingeschränktes Blickfeld
10) Beckenschiefstand, Schulterschiefstand, Gesichts- und Körperasymmetrien
11) Koordinationsprobleme einfacher Körperbewegungsabläufe
12) Sprachschwierigkeiten (Dysphonie)
13) Schlaflosigkeit und innere Unruhe
14) hormonelle Störungen
15) depressive Verstimmung
Ursachen für eine CMD
Bei den Ursachen für eine CMD unterscheiden wir zwischen angeborenen Ursachen und erworbenen Ursachen, wobei letztere auch bis ins hohe Alter hinein erworben werden können.
1.) Angeborene Ursachen:
a) Geburtstrauma
b) Fehlbisse
c) Zahnschiefstände
d) Besonderheiten des Kiefer- und Gesichtsschädels
e) skelettale Besonderheiten wie Beinverkürzungen, Fußdeformitäten, Skoliosen
2.) Erworbene Ursachen:
a) Verschleißerscheinungen ( Arthrosen) von Gelenken
b) strukturelle und degenerative Veränderungen der Wirbelsäule
c) unfallbedingtes Schleudertrauma der Halswirbelsäule
d) fehlende Zähne oder fehlerhafter Zahnersatz
e) durch Knirschen bedingtes Abschleifen der Zähne
f ) kieferorthopädische Behandlungen
g) fehlsitzende Zahnprothesen
h) fehlerhafte Beinlängenkorrekturen
Betrachtet man die Vielzahl der hier aufgeführten Ursachen, so stellt man fest, dass die Störungen zum einen entweder zunächst im Kausystem selber oder zum anderen zuerst am Haltungs- und Bewegungsapparat also in der Peripherie vorhanden sein können. So kann eine Beinlängendifferenz, sei sie funktionell durch ungleiche Fußformen oder eine Beckenverwringung entstanden oder anatomisch, wenn die Beinknochen links oder rechts nicht die gleiche Länge haben, solche chronischen Haltungsänderungen über Becken, Lendenwirbelsäule, Brustwirbelsäule, Schultergürtel und Halswirbelsäule bis in das Kausystem " durchschlagen lassen" und so die Entstehung einer CMD bedingen. Diese Art von Wechselwirkung, von unten nach oben gerichtet nennen wir eine "aufsteigende Läsion". Die Anpassungen und Störungen im System pflanzen sich von unten nach oben fort.
Aber es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall. Dabei ist das Problem, zuerst im Kauapparat als eine CMD lokalisiert entstanden, z.B. durch ungünstige Einstellung der Bißlage oder Mundatmung und hat dann Etage um Etage seine krankmachende Wirkung nach unten entfaltet. Diese Art von Wechselwirkung von oben nach unten nennt man "absteigende Läsion ".
Risikogruppen von CMD:
Wie aus den dargestellten Ursachen ersichtlich, kann prinzipiell jeder von diesem Krankheitsbild betroffen sein, vom kleinen Kind bis zum Greis. Daher sollte man auch bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit Kopfschmerzen immer an die Möglichkeit einer sich entwickelnden CMD z.B. nach einer kieferorthopädischen Behandlung oder an Parafunktionen wie Pressen oder Reiben auf den Zähnen denken. Am häufigsten trifft man allerdings die CMD bei Frauen jüngeren bis mittleren Alters an, etwa 8 mal so häufig wie bei Männern. Der Grund dafür ist nach wie vor unklar. Auch Studierende im Prüfungsstreß, Manager, Personen, die schwere körperliche Krisen erleben, können vor allem durch
erhöhte Bißaktivität in der Muskulatur eine CMD entwickeln. Streßkorrelierte Überaktivierung der Kaumuskulatur ist während des Schlafens noch traumatisierender, weil dann schützende Schmerzreflexe deutlich reduziert sind und deshalb wesentlich größere Kräfte auf die Gewebe einwirken können als unter bewußter Kontrolle.
Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass über 60% der Bevölkerung Symptome einer CMD aufweisen, ohne allerdings dafür subjektiv einen Behandlungsbedarf zu erkennen. Nur wenigen ist bekannt, dass Kopfschmerzen auch von der Kaumuskulatur verursacht sein können oder Beschwerden im Ohr ihren Ursprung nicht im Mittelohr sondern im Kiefergelenk und den kiefergelenknahen Muskeln haben können. Da hierbei gewöhnlich keine unerträglichen Schmerzen auftreten, ist der Leidensdruck zu gering als dass der Betroffene sich in Behandlung begibt.
Subjektiven Behandlungsbedarf geben nur etwa 3% der Bevölkerung an. Allerdings dominieren bei diesem Patienten dann schon massive Schmerzsyndrome mit mäßiger bis schwer ausgeprägter Dysfunktion. Bei anhaltenden oder intermittierenden Schmerzen länger als 6 Monate sprechen wir von einer chronischen CMD. Diese ist dann keine lokale sondern eine schon strukturelle Angelegenheit und sollte in jedem Falle einem interdisziplinären Ansatz in einem Team von funktionsanalytisch ausgebildeten Zahnärzten, interdisziplinär geschulten Orthopäden, manualtherapeutisch auf CMD spezialisierten Physiotherapeuten und Osteopathen zugeführt werden.
Orthopädische Diagnostik bei CMD:
Bei Betrachtung der Körperhaltung steht der Mensch idealerweise von der Seite betrachtet senkrecht im Lot. Der Mittelpunkt des Kopfes von der Seite gesehen, also der Gehörgang, liegt über den Schultergelenken, den Hüftgelenken und den Sprunggelenken. In der Vorderansicht sollten Augenebene und Ohrenebene horizontal liegen, ebenso wie der Schultergürtel und der Hüftgürtel. In diesem Idealzustand braucht der Körper aus biologischer Sicht ein Minimum an Energie um im Gleichgewicht zu bleiben. Vielfach sieht die Realität allerdings so aus, dass wir uns aufgrund einseitiger Haltungsgewohnheiten, die häufig bereits im Schulalter entstehen und sich dann beim Erwachsenen in Arbeits- bzw. Berufshaltungen fortsetzen, von diesem Idealzustand in den verschiedenen Ebenen immer weiter entfernen.
Haltungsstörung in der Vorderansicht (Frontalebene)
Wenn man einen Menschen von vorne oder von hinten betrachtet, fällt recht häufig auf, dass die Schultern nicht auf gleicher Höhe gehalten werden. Diese Menschen leiden sehr häufig an Nacken- oder Schulterschmerzen, was daraus resultiert, dass eine solche Haltung - wenn auch unbemerkt - nur mit einer chronisch deutlich erhöhten Muskelverspannung aufrecht erhalten werden kann. Durch ständiges einseitiges Tragen schwerer Gegenstände (Schultaschen, Handtaschen) oder Drehfehlhaltungen am Arbeitsplatz kann man sich auf Dauer eine solche Schiefhaltung antrainieren.
Oft fällt bei der fachorthopädischen Untersuchung auch auf, dass ein Mensch den Kopf leicht gedreht hält. Dies kann z.B. durch eine einseitige Seh- oder Hörminderung verursacht sein, die den Betroffenen dazu zwingt den Kopf so zu orientieren, dass er besser sieht und hört. Da die Bewegungsmuskulatur aber zwischen Schädel und Brustkorb ansetzt, kann eine veränderte Lage des Schädels zum Brustkorb kaum ohne Auswirkung auf die Kaumuskulatur bleiben, so dass auch auf diese Weise eine CMD entstehen kann.
Bei angeborenen oder auch unfallbedingten Beinverkürzungen kommt es zu einem einseitigen Beckenschiefstand, der über muskuläre Kettenreaktionen zu Wirbelsäulenverkrümmungen bis hin zur Haltungsveränderung im Bereich der Halswirbelsäule und Kopfgelenke führt, da der Körper bemüht ist, sein Gleichgewicht zu halten und die Augenebene horizontal auszurichten.
Haltungsstörung in der Seitansicht ( Sagitalebene)
Zu den häufigsten Fehlstörungen gehört hier die Kopfvorhaltung mit einem Ungleichgewicht in der verantwortlichen Haltemuskulatur der Halswirbelsäule. Eine Kopfvorhaltung treffen wir oft bei Menschen, die viel am Schreibtisch sitzen, ja überhaupt an Tischen in vornrübergebeugter Haltung, vor Computern oder auch am Telefon. Durch immer wieder kehrende Körperpositionen können wir unserem Körper bestimmte Fehlhaltungsmuster regelrecht antrainieren. Bei der Kopfvorhaltung, die übrigens auch durch Mundatmung entstehen kann, wird der Kopf ein wenig nach hinten geneigt, also die Krümmung der Halswirbelsäule etwas verstärkt. Da wir aber unseren Augenhorizont oder den Geradeausblick wahren müssen, wird die gesamte Halswirbelsäule zusätzlich nach vorn geneigt. Auf diese Weise wird die Krümmung des Nackens (Hyperlordose) verstärkt, die Nackenmuskulatur verspannt, denn diese muß jetzt dauerhaft viel mehr Gewicht tragen als bei normaler Stellung des Kopfes. Die Muskulatur, die unter dem Unterkiefer und im vorderen Halsbereich liegt, wird dabei zudem überdehnt und verspannt sich ebenfalls. Die so entstandene veränderte Biomechanik in der Sagitalebene setzt sich über Muskelketten in Schwäche der Bauchmuskulatur und muskuläre Überlastung der Kiefergelenke fort, wie wir sie auch bei den meisten CMD Patienten finden.
Therapie der CMD:
Krankheiten des Haltungs- und Bewegungsapparates sind die häufigsten Erkrankungen in der Bevölkerung. Wie wir hier dargestellt haben, können funktionelle Störungen in einem Körpergebiet sich durch muskuläre Kettenverschaltungen in andere Körperregionen verlagern, strukturelle Veränderungen verursachen und Schmerzen auslösen. Ein Teil dieser Störung hat ihren Ursprung im Kauapparat, in der Fehlstellung des Kiefers, Verlagerung des Kiefers durch unsachgemäße zahnärztliche Behandlungen und durch Bruxismus. Umgekehrt können Fehlfunktionen aus anderen Körperregionen sich auch in den Kopf-, Gesichts- und Kaumuskulatur und in den Kiefergelenken auswirken. Eine interdisziplinäre und ganzheitliche Betrachtungsweise und enge Zusammenarbeit von Spezialisten ist daher unabdingbar. Die funktionsanalytische Untersuchung und Behandlung des Kauapparates soll hier nicht näher dargestellt werden, wir arbeiten hier unter anderem mit folgenden Spezialisten zusammen:
www.private-zahnklinik.com
www.ein-zahnarzt.de
www.zahnarzt-luetzenkirchen.de
Wir wollen uns in Folgendem vielmehr auf die orthopädischen Therapiemöglichkeiten bei CMD, wie sie in unserer Praxis durchgeführt werden, beschränken.
Orthopädisch-manualmedizinische Therapie:
Aus den bisher dargestellten ergibt sich, dass in dem recht komplexen System funktioneller Verkettungen nur eine Struktur konsequent stört und nervt, die nicht auch funktionell behandelt werden kann - die Bißlage, die Verzahnung bei Okklusion. Jede sinnvolle Therapie im System CMD und Wirbelsäule muß daher davon ausgehen, zunächst Korrektur dieses strukturellen Fehlers anzustreben. Wegen Wechselwirkungen zwischen Körperafferenzen und Kiefergelenk werden von uns zunächst sämtliche muskulären Dysbalancen untersucht, bevor die exakte Korrektur der Bißebene durch den Zahnarzt bei "blockierungsfreier" Wirbelsäule durchgeführt wird. Fachorthopädischerseits testen wir die gestörten Muskelfunktionsketten mittels Techniken der Applied Kinesiology (AK) aus. Dabei gehen wir im allgemeinen von folgendem Therapieprinzip aus:
- Behebung von Funktionsstörungen an Gelenken mit Wiederherstellung der freien
Funktion aller Gelenke einschließlich des Gelenkspieles,
- Detonisierung der hypertonen Muskulatur,
- Zentrierung der Wirbelsäulenstatik auf unter 5mm Achsabweichung des Wirbelsäulen-
lotes in der Frontalebene kontrolliert mittels 3D lichtoptischem Meßverfahren,
- Kräftigung und Balancierung der geschwächten Muskulatur zur Rezidivprophylaxe.
Nach fachorthopädischer Untersuchung der gestörten Muskelfunktionsketten, der krankhaft veränderten Muskulatur und der Wirbelgelenkfunktionsstörungen erfolgt zunächst die ärztliche Behandlung dieser Störungen mittels myofaszialer Releasetechniken, osteopathischer einschließlich kraniosacraler Techniken und manualtherapeuticher Deblockierung der gestörten Gelenkfunktionen. Entsprechend dem Lehrsatz " Wenn Knochen und Muskeln miteinander kämpfen, verliert der Muskel niemals" liegt unser Therapieansatz schwerpunktmäßig immer in der Muskulatur. Diese wird wieder in einen optimalen Funktionszustand versetzt, der dann auch nach Beseitigung der vorhandenen Fehlstatik wieder optimal propriozeptiv angesteuert werden kann. Selbstverständlich sind im weiteren Behandlungskonzept unserer Patienten spezielle qualifizierte Physiotherapeuten einbezogen, die nicht nur osteopathische und manualtherapeutische Ausbildung besitzen, sondern zusätzlich auch noch über eine CMD Therapieausbildung mit langjähriger Erfahrung verfügen (www.reha-kinetik.de).
Wie bereits ausgeführt, stellt einen weiteren wesentlichen Ansatz in unserem Therapiesystem die verspannte, hypertone und durch jahrelange Fehlbelastung mit Triggern veränderte Muskulatur dar. Trigger sind entzündlich veränderte Gewebsbereiche, in denen sich die Muskelfasern dauerhaft zusammengezogen haben. Dadurch wird der Muskel immer mehr verkürzt, er ist nicht mehr elastisch, was einen erhöhten Druck und Funktionsstörungen der benachbarten Gelenke bedingt. Erfahrungsgemäß lassen sich Trigger kaum mit muskelrelaxierenden manualtherapeutischen Techniken lösen. Wir therapieren daher die Muskeltrigger mit focussierten Stoßwellen, die nach 6-8 Sitzungen Trigger komplett längerfristig auflösen.
Die erfolgreiche Beseitigung der Muskeltrigger wird durch Wirbelsäulenstatikvermessung mittels 3D lichtoptischem Meßverfahren bei uns kontrolliert. Zur Vermeidung erneuter Ausbildung von Triggern und Statikproblemen versorgen wir die Patienten vor allem bei "aufsteigenden Läsionen" mit propriozeptiven sensomotorischen Spezialeinlagen. Diese Spezialeinlage ist weich, elastisch und besteht aus mehreren Kammern, die mit Gummiteilchen gefüllt sind und die Nervenendigungen in der Fußsohlenmuskulatur stimulieren. Die Befüllung der einzelnen Kammern wird individuell vom Facharzt kinesiologisch ausgetestet und den speziellen Bedürfnissen Ihres Körpers jederzeit angepaßt.
Zur Kräftigung und Stabilisierung der geschwächten Muskelgruppen und zur Vermeidung von Rezidiven führen wir im letzten Behandlungsabschnitt ein analysegestütztes medizinisches Aufbautraining nach dem FPZ Konzept in der REHA KINETIK, das Zentrum für die Wirbelsäule, in unserem Hause durch (www.reha-kinetik.de).
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